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Ein vergessener? Ehrenbürger Leipzigs

Ich war schon erstaunt, das ich es so schnell wiedergefunden habe, vor mehr als 10 Jahren stand ich/wir schon mal hier. Damals waren wir erschüttert. heute an gleichem Ort war das gleiche Gefühl von Damals vorhanden, obgleich gemischt mit, ja auch, Wut. Von was spricht Er? Der Reihe nach. Mich hatte es wieder einmal in diese Ecke  Leipzigs verschlagen, die früher mehr zu meiner „Homezone“ gehörte als heute. Das ist zum einen durch den Wegzug aus Leipzig begründet, zum anderen gibt es in der „großen“ Stadt Leipzig eben präferierte Stadtgebiete, in die es mich verschlägt, wenn ich hier bin. Früher war das Gebiet um das Völkerschlachtdenkmal, insbesondere der Südfriedhof Ziel von Ausflügen mehrmals im Jahr. Schon als Kind, die klassischen Grabpflegepilqerungen mit der Oma, meist am Samstag oder Sonntag. Nun muss man sagen das der Leipziger Südfriedhof, als einer der größten und schönsten Parkfriedhöfe Deutschlands, zugegeben nicht nur ein bedrückender Ort der Konfrontation mit dem Tod, sondern auch Ort der Ruhe, Erholung und Inspiration sein kann. Ein Besuch lohnt sich nicht nur wegen des alten, schönen Baumbestandes. Und ja, letztendlich findet man hier auch die letzten Ruhestätten manchen prominenter Leipziger Persönlichkeiten. 

 

Genau eine solche entdeckt man auf kurzem Wege, betritt man den Friedhof über das große Südtor. Von der Sichtachse zum „Südschloss“ (meine Bezeichnung für das große Krematorium) biegt man schon gleich am Anfang nach links ab. In der XII. Abteilung, steht man dann bei der sog. Wahlstelle 146 vor einer doch recht platzintensiven Grabanlage mit Schmuck- und Trittplatten, steinernen Kranzhaltern und einer großen Grabplatte. 

 Ein kleiner schwarzer Stein verrät noch: „Ehrengrab Stadt Leipzig“….OK. Gleichsam ist dieser kleine Stein eher Stein des Anstoßes als hilfreiches Instrument zur Lösung der Frage: Wer hat hier seine letzte Ruhestätte gefunden. Denn auf der großen Grabplatte ist leider nicht mehr viel zu erkennen. Ich weiß es, denn ich habe schon damals interessiert recherchiert. Der aktuelle Besucher hingegen: ???  Ok, er könnte sich an die Lösung der Frage herantasten.

 

Machen wir es ihm doch mal gleich: 

Auf einer kleineren, vom Rasen eingefassten, Platte ist die Inschrift besser erkennbar:

„Auguste Thieme“ (weiter zu erahnen ist: geb. Gewers;

*12.6.1876 +8.4. 1950). 

 

Mit diesem Wissen betrachten wir noch einmal die eigentliche Grabplatte:“……:Cle….mens……Thieme, der Thieme?! 

Die weitere Inschrift könnte gelautet haben:

 Geheimrat. 

*13.5.1861 +11.11.1945

Ehrenbürger der 

Stadt Leipzig

 

Foto: Norbert Lotz / Reproduktion Historische Ansichtskarte; Eigenbestand
Foto: Norbert Lotz / Reproduktion Historische Ansichtskarte; Eigenbestand

 

 

 

Ja genau der Thieme. Der Geheime Hofrat Clemens Wilhelm Thieme. Und nun wird Einiges klar. Clemens Thieme, geboren in Borna bei Leipzig sollte im späteren Leben als Architekt starken Einfluss auf bedeutende Bauten Leipzigs haben. Allem voran, dem nahen Völkerschlachtdenkmal. Genau hier wollte er begraben werden, als er 1945 im Alter 84 Jahren starb. Sein Grab ausgerichtet in einer Sichtachse zum Völkerschlachtdenkmal.

 

 Die Sichtachse ist längst durch hohe Bäume und Buschwerk verdeckt und das Grab…. befindet sich gelinde gesagt in einem traurigen Zustand. In diesem Zusammenhang würde ich nochmal den bereits erwähnten „Stein des Anstoßes“ erwähnen wollen. „Ehrengrab Stadt Leipzig“ ist fast schon ein Hohn. Hat die Stadt wirklich so wenig Geld um mit dem Gedenken derer so schmachvoll umzugehen, die die (Bau)Geschichte so nachhaltig geprägt haben? 

Ich fasse mal kurz zusammen/ Thieme und Leipzig:

1887 Thieme beantragt in Leipzig einen Gewerbeschein, um sich nach erfolgreichem Architekturstudium an der Leipziger Baugewerke­schule und dem Polytechnikum in Dresden als Architekt in Leipzig selbstständig zu machen.

 

1888 tritt er der Leipziger Freimaurerloge Apollo bei.

(das erklärt ggf. auch einige Symbolik auf der Grabstätte, die sich nicht nur auf seinen Beruf beziehen werden)

 

1888-1890 nach seinen Plänen werden in Leipzig zahlreiche Wohnhäuser errichtet:

*Paul-Gruner-Straße 16 (1888–1890)

*Beethovenstraße 31 (1895)

*Körnerplatz 7 (1890)

*Nordplatz 1 (1888–1890) 

*Tschaikowskistraße 4

*An der Verfassungslinde 22 (Lagergebäude des Musikverlages C. F. Peters)

 

Eines seiner ersten Projekte war das Wohnhaus am Nordplatz 1 in Leipzig.

Fotos: Norbert Lotz / 10.07.2023

 

1892 forcierte er die schon mehrfach begonnene, aber bis dato gescheiterten Bemühungen um die Schaffung einer Erinnerungsstätte, eines Denkmals zur Völkerschlacht.

 

1894 initiierte er die Gründung des Deutschen Patriotenbundes zur Finanzierung der Denkmalsidee. Mit einer einzigartigen Baufinanzierung. Ein Großteil der Baukosten von 6 Millionen Reichsmark wurden durch Spenden und durch eine eigens eingerichtete Lotterie zusammengetragen.

 

1897 rief er die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung Leipzig STIGA, als umfassende Leistungsschau Mitteldeutschland in Leipzig ins Leben. (Vom 24. April bis 19. Oktober 1897)

 

 

1900, am 18. Oktober erfolgt die Grundsteinlegung für das Völkerschlachtdenkmal. Ein Bau der Stadt Leipzig bei demThieme maßgeblichen Anteil an der Gestaltung hat. Nicht nur auf den bauausführenden Architekten (den von der Stadt ausgeschriebenen Architekturentwurf gewann 1895 Wilhelm Kreis, nicht Bruno Schmitz; im Wettbewerb nur Vierter!) nahm Thieme Einfluß, sondern auch auf die eigentliche Bauausführung. Krypta, Freiheitswächter und Gipfelstein gehen auf seine Wünsche zurück.

(Die Krypta, für die sich Thieme einsetzte, war ursprünglich nicht geplant und wurde sogar erst 1903 in die Baupläne aufgenommen.)

 

 

Foto: Norbert Lotz / Reproduktion Historische Ansichtskarte; Eigenbestand 

1909-15 Thieme agiert, eingesetzt vom Königreich Sachsen, als Projektleiter beim Bau des Leipziger Hauptbahnhof. Er favorisiert für die Umsetzung des Bauvorhabens die Variante eines Kopfbahnhofes.

 

 

1912, am 13. Mai erfolgt die Schlußsteinlegung am Völkerschlachtdenkmal. Der Bau jedoch war damit aber noch nicht beendet. In vielen Details wurde nochmals überarbeitet. 

So erlangte die heute sichtbare Kuppel mit den Freiheitswächtern und dem Gipfelstein erst um 1900 ihre endgültige Gestalt. 

 

Anmerkung: das erklärt die abweichenden Darstellungen auf manch alter Ansichtskarte. (Siehe beispielhaft Nebenstehende)

 

 

Foto: Norbert Lotz / Reproduktion Historische Ansichtskarte; Eigenbestand 

 

 

 

 

 

1913, am 18. Oktober 1913, im Zuge der feierlichen Einweihung des Völkerschlachtdenkmals, als Höhepunkt einer ganzen Reihe von Veranstaltungen anläßlich der 100. Wiederkehr der Völkerschlacht, ernennt die Stadt Leipzig Thieme zum Ehrenbürger.

 

Episode: 

 

Anlässlich der Feierlichkeiten zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals erhielt Thieme auch eine königliche Auszeichnung vom Kaiser Wilhelm II. persönlich.  Er überreichte ihm als Anerkennung den viert!!!klasssigen „Roten Adler“. Thieme soll ihn in seine Fracktasche mit der Bemerkung: „Ärgere dich, bis du schwarz wirst" gesteckt haben. Der Schwarze Adler-Orden wäre die erstklassige Auszeichnung gewesen. Seine kaiserliche Hoheit soll darüber sehr erbost gewesen sein.  Sagt man……

1938, im Oktober verleiht die Stadt Borna (Thieme kam dort am 13. Mai 1861 in Borna in der Roßmarktschen Straße 5 zur Welt) im Zuge der 125-jährigen Wiederkehr der Völkerschlacht Thieme die Ehrenbürgerwürde.

 

1941 Thieme gründet in Borna (mit einer 5000 RM Schatzanweisung als Grundstein) die „Clemens-Thieme-Stiftung“ Ihr Zweck darin bestand „würdige und bedürftige Einwohner der Stadt Borna“ zu unterstützen. (Am 12. Mai 1948 wurde das Stiftungsvermögen eingefroren und die Stiftung aufgelöst)

 

1945 Clemens Thieme stirbt als Geheimer Hofrat im Alter von 84 Jahren am 11. November in Leipzig und findet seine letzte Ruhestädte auf dem Leipziger Südfriedhof,  XII. Abteilung, Grabstelle 146.


Anmerkung: Fast ohne Spuren in den Geschichtsbüchern und somit auch nicht auf den einschlägigen Plattformen, seine Frau:

 

Auguste Gewers Thieme

geboren am 12. Juni 1876, gestorben am 8. April 1950 (im Alter von 73 Jahren)

 


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