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Spurensuche auf dem Nordfriedhof

Foto: Norbert Lotz 27.07.2023
Foto: Norbert Lotz 27.07.2023

Als ich vor Tagen den Leipziger Nordfriedhof besuchte, war ich eigentlich dort um das Grabmal des Zoogründers Ernst Wilhelm Pinkert zu fotografieren. Was ich auch tat. Dann streifte ich, da ich es schnell gefunden und noch etwas Zeit hatte, über die „überschaubare“ Anlage dieses Leipziger Friedhofes an der Berliner Straße.

Auffällig waren dabei besonders schmuckvoll gestaltete Grabmähler, die sich an den Umfassungs- und an den Trennmauern der Anlage befinden. 

Ich wusste aus vorangegangenen Recherchen, das sich noch andere Grabmähler bekannter und/oder bedeutender Leipziger Persönlichkeiten auf dem Nordfriedhof befinden. Also lies ich aufmerksam meine Blicke schweifen und wurde auf eine sehr großes Grabdenkmal aufmerksam, welches sich an der südwestlichen Außenmauer befindet. Geradezu wuchtig in der Gestaltung ist es nur mit der Aufschrift „DEM EDLEN / MENSCHENFREUNDE / DIE DANKBARE / STADT LEIPZIG / „DEM EDLEN / MENSCHENFREUNDE / DIE DANKBARE / STADT LEIPZIG / MDCCCXCII“ (MDCCCXCII lautet als Dezimalzahl 1892)  versehen und trägt die Nummer 13.

Foto: Norbert Lotz 27.07.2023
Foto: Norbert Lotz 27.07.2023

 

 

Was war hier, an diesem imposanten Grabdenkmal auf dem Nordfriedhof geschehen und vor allem, wer hat hier seine letzte Ruhestädte gefunden. Der Größe des Steines nach kann es keine unbedeutende Persönlichkeit gewesen sein...

Ein sich davor befindlicher Stein erhellte zugegeben nicht auf den ersten Blick meinen interessierten Geist, da aus der Entfernung schlicht und ergreifend nicht lesbar. Also näher ran. (Anmerkung: dabei habe ich bei solchen Grabanlagen immer ein mulmiges Gefühl wenn ich mich auf, bzw. über die alte Grablege bewege). Dann kann ich mühevoll auf dem kleinen Stein entziffern: 

Foto: Norbert Lotz 27.07.2023
Foto: Norbert Lotz 27.07.2023

 

CARL

PHILIPP CHRISTIAN

 TAUCHNITZ

* 4. MARZ 1798

+ 16. APRIL 1884

 UND DESSEN GATTIN

 SOPHIE FRIEDERIKE

 MATHILDE CAROLINE

TAUCHNITZ

GEB. VON BEULWITZ

 * 19. APRIL 1815

+ 17. SEPTEMBER 1870.

Hm, so beim Betrachten stellte sich mir die Frage; Warum die eigentliche Grabinschrift auf diesem kleinen vorgelagerten Stein. Und irgendwie sieht die Grabplatte recht schmucklos und unvollständig aus. Das Grabmal wurde durch keinen geringeren als Hugo Licht geschaffen, das wußte ich, aber warum so? Das werde ich hier nicht klären können. 

Foto: Norbert Lotz 27.07.2023
Foto: Norbert Lotz 27.07.2023

 

 

 

Beim Verlassen der Grabanlage fällt mir zudem noch auf: Rechts und links gibt es Spuren eines ehemaligen Gitters. Gitter oder zaunartige Grabeinfassungen, wie sie auch auf benachbarten Grabstellen zu finden sind. Hier jedoch nur noch die Reste, sprich die steinernen Sockel und die Eckpfeiler. Das eigentliche Gitter scheint kurz über dem Sockel abgetrennt. Was war hier passiert? Ein Restaurator würde sicherlich nicht so vorgehen…. 

 

Die Informationssuche zu Hause erweist sich als spärlich. Einzig ein Hinweis, eine kurze Meldung in der Zeitung mit den vier Buchstaben war zu finden, die Licht ins Dunkle bringen sollte. Am 23. März 2013 meldet diese: „Buntmetalldiebe haben das Grabmal des früheren Leipziger Verlegers Karl Tauchnitz heimgesucht. Wie die Polizei am Samstag mitteilte, stahlen die unbekannten Täter in der Nacht zu Freitag die Bronzeumfriedung der Grabstätte auf dem Leipziger Nordfriedhof. Den Sachschaden schätzt die Polizei auf 2000 Euro“ In einem weiteren Artikel noch der ergänzende Vermerk: „Bereits im Januar hatten Unbekannte den Palmwedel der Grabstätte gestohlen“

Letztere Anmerkung erklärt auch den Eindruck der Unvollständigkeit des Grabsteins. Seit Anfang 2013 fehlt also am Grabmal der Palmwedel und Kranz als Gestaltungselement vom Stein und das Bronzegitter von der Grabumfriedung.  Unter dem Wikipedia Eintrag zu Carl Philipp Christian Tauchnitz findet man eine Foto der Grabstätte von 2011. Darauf ist noch der bronzene Grabsteinschmuck zu sehen und das Gitter ansatzweise zu erkennen. 

Zustand 2023 / Foto NL 27.07.2023
Zustand 2023 / Foto NL 27.07.2023
Zustand 2011 / Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Christian_Philipp_Tauchnitz
Zustand 2011 / Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Christian_Philipp_Tauchnitz

Anmerkung: Der Wikipedia Eintrag wurde am 29.08.2023 im Bezug auf den Buntmetalldiebstahl textlich ergänzt und Fotos vom Zustand 2023 hinzugefügt.

Auf dem großen, eigentlichen Grabdenkmal ist nun leider nur noch die Inschrift vorhanden. Ein teil dieser lautet: „DEM EDLEN / MENSCHENFREUNDE / DIE DANKBARE / STADT LEIPZIG". Worauf bezieht sich diese Danksagung? 

Tauchnitz war mit Leipzig und dem einstig traditionsreichen Grafischen Gewerbe in der Stadt eng verbunden. 

"Tauchnitz war der Sohn des Leipziger Druckers und Verlegers Carl Christoph Traugott Tauchnitz (1761–1836) und seiner ebenfalls aus einer Druckerfamilie stammenden Frau Friederike Sophie, geborene Dürr (1770–1843).[1]

Er besuchte zunächst das Zerbster Francisceum-Gymnasium und studierte – gegen den Wunsch des Vaters – Evangelische Theologie an den Universitäten Tübingen und Basel. Tauchnitz lebte anschließend längere Zeit in London und Basel, um sich einer christlichen Missionstätigkeit zu widmen. Nach dem Tode seines Vaters gab Tauchnitz seine theologische Laufbahn auf, um das aus Verlag, Druckerei und Schriftgießerei bestehende Unternehmen des Vaters fortzusetzen. " "Nach 1836 erweiterte Tauchnitz den Carl Tauchnitz Verlag zunächst, u. a. durch zahlreiche Wörterbücher in verschiedenen Sprachen und freikirchliche Schriften. Ab 1844 bis 1865 veräußerte er die Firma jedoch schrittweise. Mit der 1865 erfolgten Abgabe der Klassikerausgaben und Wörterbücher an den Otto Holtze Verlag erlosch die Firma Carl Tauchnitz endgültig." "Im höheren Lebensalter zog er sich schließlich vom Geschäftsleben zurück, um als Privatmann zu leben."

Quelle:  Text und Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Christian_Philipp_Tauchnitz

Der "Edle Menschenfreund" errichtete aus seinen Einkommen als Verleger und aus dem Verkauf der väterlichen Firma errichtete Tauchnitz sieben Stiftungen, die noch längere Zeit über seinen Tod (1884) hinaus Bestand hatten:

  • 1870: Arbeiterwohnungsstiftung
  • 1877: Seminaristen-Stipendien-Stiftung
  • 1881: Sophienstiftung
  • 1882: Anonyme Stiftung für das städtische KrankenhausSiechenhausstiftung und Stiftung eines Menschenfreundes
  • 1884: Stiftung eines Menschenfreundes für das Waisenhaus

"Die bedeutsamste Einrichtung war die Stiftung eines Menschenfreundes, die Tauchnitz in seinem Testament mit mehr als 4 Mio. Goldmark ausstattete. Die Stiftung wurde von der Stadt Leipzig verwaltet und hatte ab 1885 den Status einer juristischen Person. Tauchnitz wollte besonders soziale Zwecke bedacht sehen und hatte die Beschränkungen hinterlassen, das Vermögen nicht für kirchliche Zwecke, Luxusbauten oder das Theater zu verwenden."

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Christian_Philipp_Tauchnitz


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Kommentare: 1
  • #1

    Kolonko (Montag, 29 Januar 2024 20:06)

    Danke für diesen ausführlichen Bericht über eine Grabstelle und deren Ruhender. So lernt man immer wieder interessante Menschen und Ihre Werke kennen, ohne nur das Grab zu sehen.