Die nicht allzu große Freifläche in Leipzig Mitte / Zentrum-Südost hat eine doch lange und wechselvolle Historie aufzuweisen.
Bezüglich Größeneinordnung weiß Wikipedia es sogar (den heutigen Zustand betreffend) genau zu beschreiben:
„Er bildet ein nach Westen weisendes spitzwinkliges Dreieck, dessen Spitze von der Gabelung der Dresdner Straße und des Täubchenwegs gebildet wird. Die beiden längeren Seiten sind je etwa 160 m,
die kürzere etwa 80 m lang.“ (2)
Hinrichtungsplatz, Erholungsort mit Brunnen, Luftschutzbunker, Brache, Grünanlage mit neuem Brunnen:
Ein „Rabenstein“ war die volkstümliche Bezeichnung für ein früheres Hochgericht (Hinrichtungsstelle). Für eine öffentliche Hinrichtung wurde meist das erhöhte Schafott oder ein erhöhter Platz genutzt. Für eine solche Anlage war die Bezeichnung „Rabenstein“ üblich. Sie bezieht sich angeblich auf die Anwesenheit von zahlreichen Raben an der Richtstätte. Was diese mit den Resten des Hingerichteten angestellt haben, möchte ich hier lieber nicht ausschmücken ;-)
„Nachdem auf dem Markt keine Hinrichtungen mehr vorgenommen wurden, hatte man außerhalb der Stadtmauern zwei Exekutionsstätten auserwählt, den Rabensteinplatz für den „ehrenvolleren Tod“ durch Köpfen mit dem Schwert und den Gerichtsweg, wo die Verurteilten am Rad oder Galgen endeten. 1822 wurde die Richtstätte abgebrochen. Bei der amtlichen Benennung wurde der im Volksmund weiterhin gebräuchliche Name übernommen.“ (1)
Nach Aufgabe der Richtstätte wurde der „Rabensteinplatz“ von der Stadt Leipzig jahrelang als Lagerplatz für Baumaterial genutzt. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Umgebung, den Aufblühen der Graphischen Industrie in dieser innenstadtnahen Gegend, geriet dieser Platz wieder in den Fokus. Jedoch nicht, wie zu vermuten als willkommener Bauplatz für weitere Wohn- und/oder Gewerbeimmobilien, sondern als nutzbares Areal für eine Grünanlage. 1866 erarbeitete der Gartendirektors Otto Wittenberg (1834–1918) einen Plan für eine solche kleinen, grüne Oase. Die Arbeiten wurden dann durch Erwerbslose ausgeführt (heute würde man es kommunale Arbeitsbeschaffungsmaßnahme nennen). „Es entstand ein symmetrisch gestalteter Stadtplatz mit zwei ovalen Sandspielflächen für Kinder und Gehölzpartien als Schattenspender für die sieben Bänke. 1880 entstand auf dem Platz ein öffentliches Pissoir für drei Personen.“ (2)
1869 errichtete man auf dem Platz einen aus Spendenmitteln finanzierter barocken Brunnen mit einer Fontäne, drei Delphinen und drei Knaben. Die Skulpturen wurden von der Firma M. Czarnikow & Co., Kunststein und Zinngießerei erschaffen. Einen Eindruck wie dieser Fontänen-Brunnen aussah vermittelt eine Zeichnung aus dem Jahr 1869, die sich im Fundus des Stadtarchivs Leipzigs befindet und auf der Stele mit Erklärungen auf dem heutigen Areal dargestellt ist.
Der sogenannte "Froschbrunnen" auf dem Rabensteinplatz
Ganze 40 Jahre später war wohl der Brunnen mit Wasserbecken und „Schalenturm“ nicht mehr zeitgemäß und wurde gegen einen neuen Brunnen ausgetauscht.
„1909 schuf der Bildhauer Werner Stein den an der Spitze des Platzes befindlichen Froschbrunnen, dessen Brunnenplastik aus einer Figurengruppe mit zwei Kindern und einem großen wasserspeienden
Frosch bestand.“ (2)
Foto Louis Glaser († 1911) - Stadtgeschichtliches Museum Leipzig Inv. Nr. PK 42 -gemeinfrei-
Der Bildhauer Ludwig Wilhelm Werner Stein * 10. Januar 1855 in Braunschweig; † 18. Januar 1930 in Streitwald bei Frohburg)

Vom, über seinen Tod hinaus in und für Leipzig und die Förderung der Kunst engagierten, Bildhauer liest man im Web:
„Er war der Sohn eines Braunschweiger Korbmachers. Seine Ausbildung erfolgte von 1873 bis 1875 an der Kunstgewerbeschule Nürnberg unter Melchior zur Strassen und von 1875 bis 1879 bei Johannes
Schilling in Dresden. Als dessen Schüler war er an der Ausführung des Niederwalddenkmals beteiligt. Bereits 1879 erhielt er eine Professur als Lehrer für Modellieren an der Leipziger
Gewerbeschule.
1881 heiratete Stein in Dresden Elisabeth Schwenk (1861–1940). Die Ehe blieb kinderlos.
1902 erwarb er ein Bauerngehöft im Kohrener Land, auf das er sich im Alter zurückzog, um seinen Lebensabend mit ausgedehnten Wanderungen, heimatkundlicher Forschung und bildhauerischer Tätigkeit
zu verbringen. Werner Stein verstarb überraschend wenige Tage nach seinem 75. Geburtstag und wurde am 19. Januar 1930 auf dem Friedhof in Greifenhain beerdigt. Gemäß einer testamentarischen
Verfügung wurde durch den Leipziger Künstlerverein die Werner-Stein-Stiftung zur Unterstützung mittelloser Leipziger Kunststudenten gegründet. Stein war der langjährige Vorsitzende des Leipziger
Künstlervereins.“ (6)
Stein´s Werke in Leipzig:
Prof. Werner Stein ist für „Kenner der Leipziger Denkmäler und Grabdenkmäler“ kein Unbekannter. Einige seiner Werke sind heute noch, manche davon leider nur noch fragmentarisch (Grassi-Grabdenkmal) oder wieder als Replik neu entstanden (Rabensteinbrunnen; Mendelsohn-Denkmal)
* 1881: Grabmal für Franz Dominic Grassi mit Marmorskulptur „Lipsia“, Alter Johannisfriedhof
* 1883: Grabanlage für die Verlegerfamilie Julius Klinkhardt, Neuer Johannisfriedhof, jetzt Südfriedhof
* 1883: Fassadenfiguren Raffael und Michelangelo am Ostflügel und Marmorrelief Franz Dominic Grassis im Treppenhaus des alten Museums der
bildenden Künste (zerstört)
* 1884: Marmorbüste Justus Radius, Treppenhalle Konservatorium Leipzig
* 1885: Grabmal für Georg Curtius, Neuer Johannisfriedhof, jetzt Lapidarium Alter Johannisfriedhof
* 1892: Mendelssohn-Denkmal vor dem Zweites Gewandhaus (Ausführung durch Hermann Heinrich Howaldt; von den Nationalsozialisten im November 1936
während einer Auslandsreise des Leipziger Bürgermeisters Goerdeler entfernt); Kopie des Denkmals seit 2008 in den Grünanlagen an der Thomaskirche
* 1899–1900: künstlerische Ausgestaltung des Künstlerhauses; zerstört
* 1904: Grabmal für den Kunstmaler Anton Dietrich, Südfriedhof
* 1906: Mägdebrunnen auf dem Roßplatz ; heute in die Neubebauung von 1953–1955 einbezogen
* 1908: Grabmalanlage für den Großgrundbesitzer Wilhelm Adam Schmidt, Südfriedhof
* 1909: Froschbrunnen auf dem Rabensteinplatz; teilweise zerstört; 2018 restauriert und neu erschaffen (Figurengruppe)
* 1913: Grabmal für den Gesangspädagogen Gustav Borchers, Südfriedhof
* 1913: Grabmal für den Fabrikanten Rudolf Kästner, Südfriedhof
* Marmorbüste König Alberts von Sachsen im Festsaal des Buchhändlerhauses; zerstört
Quelle Text (6) / Foto: Historisches Kalenderblatt (im Bestand des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig)
1942: Der Brunnen wird seinen Figurenschmuck beraubt
Die bronzenen Figuren und vermutlich auch das metallene Geländer wurden im Zweiten Weltkrieg im Rahmen der Metallspende des deutschen Volkes für Kriegszwecke eingeschmolzen. Wie im Bericht über
die Abnahme der Denkmäler für das
Stadtgeschichtliche Museum (Stadtarchiv) (Pos. 13) dokumentiert ist:
Rabensteinplatz, Froschbrunnen, Foto s/w 1942, wahrscheinlich nach der Demontage für die Metallspende
Bildquelle: Fotodatenbank des Stadtmuseums Leipzig
Luftschutzpunker unterm "Rabensteinplatz"
In den Kriegsjahren wurde der Platz nicht allein seines Figurenschmucks vom Brunnen beraubt:
„Während des Zweiten Weltkrieges entstanden unter dem östlichen Teil des Platzes ein Luftschutzbunker für den Schutz der Zivilbevölkerung sowie
eine Löschwasserzisterne. Gleichzeitig wurden sämtliche Schmuckpflanzungen entfernt.“ (3)
„Zu den Luftschutzsonderbauten gehörten Bunker, Türme und öffentliche Luftschutzräume. In Leipzig entstanden im Rahmen des Luftschutz-
Sonderbauprogramms zehn Luftschutzbunker an folgenden Standorten:
Blücherplatz (an der Gerberstraße);
zwischen Richard-Wagner-Straße und Georgi-Ring; Richard-Wagner-Platz (vor dem Alten Theater);
zwischen
Eutritzscher und Michaelisstraße;
zwischen Aster- und Eutritzscher Straße (Gelände des ehemaligen Volksbrausebades);
zwischen Bitterfelder, Wittenberger und Apelstraße;
zwischen Althener und
Tauchaer Straße (Friedrich-List-Platz);
zwischen Täubchenweg und Dresdner Straße (Rabensteinplatz);
Lindenauer Markt;
Krankenhaus St. Georg.“ (4)
Nach dem Ende des Krieges wurden auch hier die Zeugnisse des Krieges beseitigt, alle sichtbaren Bauteile des Luftschutzbunkers zurückgebaut und unterirdische Teile verfüllt, respektive mit Erde überdeckt. Unter dem Platz schlummert also immer noch, unsichtbar, ein Stück Vergangenheit.
„Eine Neugestaltung erfuhr der Platz Anfang der 1950er Jahre durch den Gartenarchitekten Gerhard Scholz. Die Grünfläche wurde auf ihre Funktion als Erholungs- und Aufenthaltsort zurückgeführt und
dem schlichten Stil der Zeit folgend gestaltet. Der beschädigte Froschbrunnen konnte erhalten werden. Die Wiederherstellung der Plastik „Kinder mit Frosch“ blieb wegen fehlender finanzieller
Mittel aus.“ (3)
Jahrzehntelang war vom einst figurengeschmückten und mit einem Bronzegeländer umgebenen Brunnen nur noch ein Beckenrest zu sehen. Das Mosaik auf dem Beckengrund aus goldenen und blauen
Glassteinen war größtenteils verschwunden.
Bildquelle: Jahrelanger Zustand ohne Brunnenfigur Foto: Ralf Julke / Leipziger Zeitung 29.09.2016
Durch eine vernachlässigte Pflege schwanden im Laufe der Jahre sowohl die Gestaltungselemente der 1950er Jahre als auch die Aufenthaltsqualität der Anlage. Angelegte Staudenpflanzungen wurden
schrittweise aufgegeben und Gehölze altersbedingt gefällt. Die Verlegung der Straßenbahnwendeschleife vom Johannisplatz um den Rabensteinplatz veränderte die Ränder des Platzes zusätzlich. Trotz
aller Umformungen blieb die Gestaltung der 1950er Jahre im Wesentlichen erhalten. Sie bildete die Leitebene für die denkmalgerechte Sanierung.“(3)
„Neben der Wiederherstellung des Platzes in seiner Bedeutung als Schmuckplatz, der Wiederherstellung von Raumkanten, Einblicken und Sichtbeziehungen sowie der Verbesserung der städtebaulichen
Erschließung sollte durch die Neugestaltung ein stärkerer Bezug zum benachbarten Grassimuseum hergestellt werden.
Hierfür wurden besondere Akzentuierungen in Form neuer Staudenflächen erzeugt, historische Baumbestände und Sträucher verdichtet, Gehölze zurückgeschnitten, Wege und Platzflächen teilweise
wiederhergestellt, Trampelpfade zurückgebaut sowie Bänke und Fahrradbügel aufgestellt. Durch die Aufstellung einer Erläuterungstafel über die Historie des Platzes soll zudem ein Bewusstsein für
die stadtgeschichtliche Bedeutung des Platzes erzeugt werden.“(3)
Die Sanierungskosten beliefen sich auf 270 T€, der Anteil der Städtebauförderung auf 250 T€. Geplante Fertigstellung 2017.
Der "Froschbrunnen" wird wieder komplettiert.
Im Zuge dieser Umgestaltung des „Rabensteinplatzes“ sollte auch der nur noch fragmentarisch (steinernes Wasserbecken) vorhandenen Froschbrunnens wieder neu entstehen. Die Arbeiten, Neuerschaffung der metallenen Einräumung und der Figurengruppe wurde außerhalb des Förderprogramms durch Landesdenkmalmittel finanziert.
Nachdem bereits 2016 die Stadt die Restaurierung des Mosaikbodens im Brunnenbecken in Auftrag gegeben hatte wurde der, in Leipzig für zahlreiche Restaurierungsarbeiten bekannte Bildhauer Markus Gläser mit der Neuschaffung der einstigen Brunnenfigur beauftragt. Er fertigte nach historischen Dokumenten eine Modellvorlage an, die dann in Dresden in Bronze gegossen wurde.

Am 02.05.2018 war es dann so weit. Der neu entstandene Brunnen konnte auf dem neu gestalteten Rabensteinplatz feierlich enthüllt werden. Nach Angaben der Stadt hat die Wiederherstellung des
Brunnens rund 88.000 Euro gekostet, von denen 36.000 Euro aus Fördermitteln des Landes stammen.
Die Einweihung fand im Beisein des Leipziger Oberbürgermeisters statt. „Burkhard Jung drückte bei der Einweihung seine Freude darüber aus, dass nach der wechselhaften Geschichte des Platzes jetzt
ein „ein neues und vor allem freundliches Kapitel“ aufgeschlagen werden kann.“ (5)
…welch ein schönes Schlusswort, auch für diesen Blogbeitrag ;-)
fotografische Eindrücke vom "neuen Rabensteinbrunnen":
Fotos: (außer separate Quellenangabe) Norbert Lotz / 05.09.2025
Quellen:
(1) https://www.leipzig.de/buergerservice-und-verwaltung/unsere-stadt/gebietsgliederung-und-strassennamen/strassennamen/
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Rabensteinplatz
(3)
https://static.leipzig.de/fileadmin/mediendatenbank/leipzig-de/Stadt/02.6_Dez6_Stadtentwicklung_Bau/61_Stadtplanungsamt/OEffentlichkeitsbeteiligung_und_Auskuenfte/Publikationen/Leipzig_Innenstadt_Staedtebaulicher_Denkmalschutz_1994_2017.pdf
(4)
https://static.leipzig.de/fileadmin/mediendatenbank/leipzig-de/Stadt/02.1_Dez1_Allgemeine_Verwaltung/10.9_Stadtarchiv/Neue_Internetseite/Publikationen/Leipziger_Kalender/StadtAL_0567_Z16_S_1998online.pdf
(5) https://www.lvz.de/lokales/leipzig/froschbrunnen-im-leipziger-zentrum-wird-neu-eingeweiht-V5BIMLUBFYL45G236VT2QEZXTI.html
(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Stein_(Bildhauer)#
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